Home

     

Die Geschichte des Curt Ekert

     

Back

                                                           
           

 

         
           

Im Jahre 1981 erhielt der damalige Vorsteher Ernst Mühlethaler das nachfolgend im Originalwortlaut wiedergegebene Schreiben:

 

         
           

An den  Herrn Rektor des Pestalozzi-Schulhauses, 3600 Thun

CH 9000 St.Gallen, 21. Juni 1981
Sehr geehrter Herr Rektor
Wir kennen uns gegenseitig nicht. Ich weiss weder Ihren Namen, noch kenne ich
Ihre Adresse; habe auch keine Ahnung, ob man Sie mit Herrn Rektor oder mit Herrn Schulvorsteher anredet. Ich hoffe, es sei dies keine weltumstürzende Prestigefrage und Sie werden es mir, als völlig Unbekannten, nicht verübeln, wenn ich ganz einfach die Absicht habe, Ihnen eine kleine lokalhistorische Freude zu machen. Vielleicht entlockt sie Ihnen ein vergnügtes Schmunzeln oder auch nur ein nachsichtiges Lächeln. Als Paedagoge sind Ihnen ja allerhand Schülerideen-& träume bekannt.

Vor drei Wochen war ich wieder einmal in meinem lieben, alten, heimeligen Zaehringerstädtli am Klassentreffen. Wir gingen 1907 in die erste Klasse in das Aarefeldschulhaus. Damals lag dieser Tempel der Weisheit noch fast ausserhalb des Städtli. Frl. Selma Gerster, die spätere Frau Dr. Karlen, war unsere Primarlehrerin. Bis zu ihrem Tode nahm sie immer an unseren Zusammenkünften teil.

         
                                                             
           

Während der ersten zwei Jahre waren wir in diesem altehrwürdigen Schulhause.  Inzwischen wurde das sog. neue Schulhaus, das Pestalozzischulhaus, gebaut. Nach der Einweihung (1909?) zügelten wir dort hin in die 3. Klasse. Für ein paar Wochen hatten wir einen Herrn Lehrer Weissenflug, der bald darauf starb. Als Aushilfslehrerin folgte ihm eine Frau Baumgartner & hernach Herr Gottfried Keller. Es war natürlich nicht der berühmte Dichter, aber auch einer, dem sicher alle Schüler viel zu verdanken hatten. Er unterrichtete nicht nur Schulfächer, sondern wies unsere aufnahmebereiten Herzen auf alles Schöne in der Natur hin, öffnete unsere Augen für unsere Lokalgeschichte, für die ganze Heimat und für die Kultur im Allgemeinen. Durch ihn lernte ich in der Schule die ganze Nibelungensage kennen, die so richtig meiner romantischen Natur entsprach. Sein damaliges dickes Sagenbuch bettelte ich ihm später ab und hüte es jetzt noch in meiner grossen Bibliothek. Lehrer Kellers mitreissender Sagenerzählkunst verdanke ich meine Liebe zur Literatur, Geschichte und Archaelogie.

         
                                                             
           

Das als Einleitung. Bevor das neue Schulhaus fertig erbaut war, kam eines Tages der Architekt zu unserer Lehrerin, Frl. Gerster, und bat sie um zwei Kinder, ein Meitschi und einen Buben, die er photographieren und als Fassadenschmuck ausmeiseln lassen wolle. Sie hatte zwei solche Schulkinder, die unzertrennliche Schulschätze waren:  Gritli Hofer und mich, Curt Ekert.

         
           

         
         

       

      Lehrerin Fräulein Selma Gerster (* 23.07.1887 in Bern), spätere Fr. Dr. Karlen, mit ihrer Klasse
      Aufnahme ca. 1908; Curt Ekert hinterste Reihe, dritter von links, Gritli Hofer in der zweithintersten Reihe, fünfte von rechts
      Aufnahme vor dem Aarefeldschulhaus

     
         

     
                       
           

Gritli war das Töchterchen des Spenglermeister Arnold Hofer am Plätzli; jetzt ist dort eine  Conditorei. Mein Vater war damals der Direktor der Licht-& Wasserwerke. Wir Kinder wurden also über dem Haupteingang auf dem Pausenplatz eingemeisselt. Links Gritli mit dem Buch und rechts ich mit Schiefertafel & Matrosenkrägeli, wie das  damals Mode war.

         
                                                             
           

Auf, resp. über dem hinteren Ausgang bin ich nochmals solo als Skulptur.

         
   

      

 
           

 

         
           

Vielleicht macht Ihnen dieser Hinweis zur Geschichte Ihres Schulhauses eine kleine  Freude. Lege Ihnen die diesbezüglichen Photis bei, welche ich vor drei Wochen machte.  Es ist doch sicher eine fröhliche Seltenheit, dass ein Thuner noch zu Lebzeiten mit  seinem Schatz ein Denkmal erhält.

         
           

     

         
           

Was aus Gritli wurde, weiss ich nicht. Kurz vor dem Weltkrieg schrieb es mir noch aus Amerika, wo es geheiratet hat. Ich wurde auch nicht, was ich immer zuerst wollte, sondern Tierarzt und bin nun seit 15 Jahren als hiesiger Stadttierarzt pensioniert. Ich freute mich so auf die Pensionierung,  um meinen Liebhabereien besser nachgehen zu können und verlor im letzten Arbeitsjahr durch  eine Berufsinfektion fast das ganze Augenlicht. Ich versuche nun eben aus dieser Situation das  Beste herauszuholen und dazu gehört auch meine Freude, mit meinen Schulkameradinnen- & kameraden alle zwei Jahre in mym Thun zusammenzukommen. Die Prögeler verlor ich alle aus den Augen. Nur Hugo Huber, pensionierter Pfarrer in Leissigen, besuchte ich ab & zu, hingegen sind mir der Aufenthalt von Max Leu (Sein Vater war damals Bahnhofvorstand, als die BLS eingeweiht wurde) und Max Hopf (sein Vater war Arzt in Thun  und sein reizendes, zartes Schwesterchen Mimi=Rosemarie ging mit uns in die gleiche Klasse, starb aber sehr jung) vollständig unbekannt. Ob sie überhaupt noch leben? Ich weiss auch gar nicht, was aus ihnen geworden ist.

Sehr geehrter Herr Rektor, hoffentlich habe ich Sie mit meinen kleinen Lokalerinnerungen nicht gelangweilt. Die Photis sind natürlich für Sie oder die Akten zur Geschichte des Pestalozzi-Schulhauses.

Mit freundlichen Grüssen Ihr
Curt Ekert, Tierarzt
Wartensteinstr. 2
9000 St. Gallen

         

 

         
         
                                                             
            Lehrer Gottfried Keller mit seiner 4. Klasse im März 1912, Westseite Pestalozzischulhaus
Curt Ekert unmittelbar neben dem linken Pfeiler, hinter welchem sein Arm verschwindet; Gritli Hofer steht neben dem Lehrer
         
                 
                                                             

Anfang